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Deutsche Börse-News: "Die Gefahren von 'mehr Staat'" (Kolumne)

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Christoph Frank bemerkt, dass der Anteil der Unternehmen in staatlicher Hand steigt und nennt drei aus seiner Sicht kritische Effekte auf Wirtschaft und Börse.

14. September 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). "Die jüngere Generation unserer Zeit ist in einer Welt aufgewachsen, in der in Schule und Presse der Unternehmergeist als schimpflich und das Verdienen als unmoralisch hingestellt worden sind, in der die Beschäftigung von hundert Arbeitern als Ausbeutung gilt, aber die Kommandierung der gleichen Anzahl als ehrenvoll." Nein, dieses Zitat stammt nicht aus dem Jahr 2026, sondern ist von 1944. Geschrieben hat es Friedrich August von Hayek, Träger des Wirtschaftsnobelpreises, in seinem Millionenseller "Der Weg zur Knechtschaft". Das Zitat könnte aber inhaltlich durchaus auch aus der heutigen Zeit stammen, wie mir in meinem Urlaub auffiel, als ich das Buch nach Jahrzehnten einmal wieder komplett durchlas. Im selben Kapitel "Sicherheit und Freiheit" zitiert Hayek den kommunistischen Revolutionär Leo Trotzki: "In einem Lande, in dem der einzige Arbeitgeber der Staat ist, bedeutet Opposition langsamen Hungertod."

In der Tat. So weit, dass der Staat der einzige Arbeitgeber wird, muss es in demokratischen, halbwegs marktwirtschaftlich organisierten Staaten zum Glück nicht kommen. Doch was passiert auf dem Weg dorthin, eben auf dem "Weg zur Knechtschaft"? Was geschieht, wenn der Staat einen immer größeren Teil des Wirtschaftslebens organisiert oder direkt beeinflusst? Das ist keineswegs ein akademisches Problem: Von 2018 bis 2024 (neuere Daten liegen nicht vor) stieg in Deutschland die Anzahl der Arbeitnehmer insgesamt erfreulicherweise um rund 4 Prozent. Die Aufteilung (nach meinen Analysen und Abgrenzungen) ist allerdings bemerkenswert: Während sie bei den nicht-öffentlichen Arbeitgebern (als Proxy für "die Privatwirtschaft") um etwa 2 Prozent zunahm, wuchs sie bei den öffentlichen Arbeitgebern um rund 14 Prozent bzw. um ein Vielfaches!

Doch was passiert, wenn die staatlichen oder staatsnahen Sektoren ein immer größeres Gewicht einnehmen? Akademische Studien kommen insgesamt zum Fazit, dass weniger Wettbewerb, schwächere Leistungsanreize, politisch verzerrte Kapitalallokation und eine Verdrängung privater Investitionen problematisch wirken.

Im Einzelnen: Das Wirtschaftswachstum bleibt zunächst stabil, nimmt langfristig aber ab. Das finde ich plausibel, entweicht durch den geringeren Wettbewerbsdruck doch der Zwang zur Produktivitätssteigerung, was das langfristige Wachstum hemmt. Ein staatliches Unternehmen kann eben jahrelang "weiterwursteln", obwohl es an den Kunden vorbei produziert oder die Rendite nicht stimmt, auch weil politische Ziele (z. B. regionale Interessen, Beschäftigung, soziale Ziele, Versorgungssicherheit) möglicherweise Vorrang haben. Ein privates Unternehmen dagegen, das dauerhaft ineffizient arbeitet, verliert Kunden, Geld und womöglich seine Existenz.

Ebenfalls unstrittig erscheint mir der negative Effekt auf Innovation. Ein staatliches Unternehmen kann und wird sich (z. B. wegen eines etablierten Staatsapparats und eingeschwungener Dienstwege) eher vor nötiger Innovation drücken. Motto: "Das haben wir schon immer so gemacht. Warum sollten wir das ändern?" Ein Privatunternehmen (sofern es noch nicht zu einem trägen Riesenkonzern mutiert ist) kann und muss hingegen oft konstatieren: "Das bisherige Geschäftsmodell ist schlecht. Wir müssen etwas ändern." Da es viele Ziele des Staatsunternehmens nicht berücksichtigen muss, sondern vor allem auf höhere Gewinne schielt, hat es starke Anreize, zu innovieren und seine Produkte zu verbessern.

Die Effekte von "mehr Staat" auf die Beschäftigung sind ambivalent: Zunächst entstehen trivialerweise erst einmal Arbeitsplätze in diesen staatlichen oder staatsnahen Bereichen. Ob diese im Durchschnitt ähnlich produktiv sind wie Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft, steht auf einem anderen Blatt. Mehr noch: Der Staat könnte hochqualifizierte Menschen anlocken, die volkswirtschaftlich in der Privatwirtschaft deutlich mehr Nutzen für die Allgemeinheit erzeugen könnten - das berüchtigte und aus dem Wirtschaftsstudium bekannte Crowding-out.

Was bedeutet "mehr Staat? für den Aktienmarkt? Eine eher triviale Konsequenz ist, dass tendenziell schlicht weniger frei handelbare Aktiengesellschaften verfügbar sind, in die (private) Anleger investieren können. Zweitens dürften sich in der Tendenz auch die Anreizstrukturen vieler Aktiengesellschaften verändern, wenn der Staat immer stärkeren Einfluss auf die Volkswirtschaft nimmt. Statt "Wie maximieren wir den Unternehmenswert?" tauchen verstärkt Fragen wie die folgenden auf: Wie sichern wir uns das Wohlwollen der Politik? Wie setzen wir gemeinsam mit der Politik eine für uns vorteilhafte Regulierung durch, um neue Konkurrenten abzuwehren? Welche Förderungen und Subventionen können wir abgreifen? Welche Experten müssen wir einstellen, damit wir die Logik öffentlicher Ausschreibungen und Förderprogramme besser verstehen? Wie sichern wir Arbeitsplätze im Wahlkreis? Wie verhindern wir steigende Preise (z. B. bei Immobilien)? Oft sind diese Nebenziele nachvollziehbar; doch zu höheren Aktienbewertungen werden sie selten führen, eher zu Bewertungsabschlägen.

"Mehr Staat" geht also mit einigen Risiken einher. Hayeks "Knechtschaft" ist ein möglicher (extremer) Endpunkt - meines Erachtens aber in jedem Fall die Mahnung, die Lehren der Geschichte ernst zu nehmen. "Mehr Staat" erhöht tendenziell die Gefahr, individuelle Entscheidungen durch staatliche Lenkung zu ersetzen - auf Kosten von Freiheit und Wohlstand des Einzelnen.

Von Christoph Frank, 20. Juli 2026, © pfp Advisory

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)